|
Aus Sicht der
Lehrerschaft stellt die angespannte Personalversorgung nach
übereinstimmender Meinung der 200 derzeit in Bayreuth tagenden
Delegierten das Bayerischen Philologenverbandes (bpv) das
aktuell drängendste Problem der Gymnasien und beruflichen
Oberschulen im Freistaat dar. In der oberfränkischen Stadt hält
der Berufsverband der Lehrkräfte an Gymnasien, beruflichen
Oberschulen und Hochschulen heuer seine Jahreshauptversammlung
ab. Zum Auftakt der dreitägigen Arbeitssitzung sagte der
Vorsitzende Max Schmidt: „Schüler wie Lehrer leiden seit Jahren
unter dem Mangel an derzeit rund 1.000 Lehrern. Allein an den
rund 300 staatlichen Gymnasien können mehr als 20.000
Unterrichtsstunden pro Woche nicht durch qualifizierte
Gymnasiallehrer gehalten werden.“ Es wundere ihn nicht, dass
trotz großer Anstrengungen der Lehrkräfte unter diesen
Umständen Klagen über die derzeitigen Lern- und
Arbeitsbedingungen an den Gymnasien erhoben würden. Schmidt
bedauerte, dass durch den Lehrermangel positive Ansätze wie die
Förderung in den Intensivierungsstunden und der stete Ausbau der
Hausaufgabenbetreuung an den Gymnasien überdeckt würden.
Von der
Staatsregierung erwartet der Philologenverband, den großen
Nachholbedarf der Gymnasien bei der Personalzuweisung in den
nächsten Jahren vollständig zu berücksichtigen. „Wir brauchen an
unseren Schulen jeden einzelnen der 1.600 Lehrer, die das
Auslaufen des neunjährigen Gymnasiums im Jahr 2011 theoretisch
freisetzt“, sprach sich der Verbandsvorsitzende vehement gegen
das Einziehen oder Verlagern dieser Stellen aus. Für diese
Forderung verlange die Lehrerschaft die tatkräftige Unterstützung
durch Bayerns Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle. Von ihm erwarten sich die Verbandsmitglieder
im Rahmen der notwendigen Unterstützung aller Schularten
kraftvolle Schritte zu einer Stärkung des Gymnasiums. Bei der
Festveranstaltung des Verbandes am Freitagnachmittag wird der
neue Kultusminister zum ersten Mal in größerem Rahmen den
Kontakt zur bayerischen Gymnasiallehrerschaft suchen.
bpv-Konzept für
Übertritt: Ganztagsgrundschulen, Probeunterricht, landesweite
Tests und engere Kooperation mit Grundschullehrern als zentrale
Elemente
Das Thema
„gymnasiale Übergänge“ stellt einen weiteren Schwerpunkt der
Beratungen dar. Einhelliges Lob zollten die Delegierten dem
Beschluss der neuen Staatsregierung, am generellen Übertritt
nach der vierten Grundschulklasse festzuhalten. „Wir wollen für
jedes Kind die Wahl der passenden Schulart gewährleisten, in
der es die optimale Förderung erfahren kann“, betonte Schmidt.
Bei der angekündigten Neugestaltung des Übertritts von der
Grundschule an das Gymnasium und der Schaffung sogenannter
Gelenkklassen sollen nach dem Willen des Philologenverbandes
folgende Grundsätze berücksichtigt werden:
-
Ausbau
der Grundschulen zu Ganztagsschulen, da im Ganztagsbetrieb die
Chancen auf den Abbau sozialer Disparitäten bis zum Ende der
vierten Grundschulklasse und eine bessere Sprach- und
Leseförderung gerade für Schüler mit Migrationshintergrund am
größten sind.
-
Die
weiterführenden Schularten müssen in ihrer Arbeit auf einem
verlässlichen Fundament an Kenntnissen und Fähigkeiten der
Grundschule aufbauen können. Die Grundschule muss dieses
Fundament zukünftig landesweit gewährleisten.
-
Wegen
ihres hohen Prognosewertes muss an der Bedeutung der Leistungen
in den Fächern Deutsch und Mathematik für die
Übertrittsempfehlungen festgehalten werden. In diesen Fächern
spricht sich der Philologenverband für die Mitheranziehung eines
landesweiten, standardisierten Tests aus. Er soll die
Vergleichbarkeit und Prognosekraft dieser Leistungsbewertungen
zu erhöhen helfen.
-
Die
Möglichkeit des Probeunterrichts bei Kindern ohne Empfehlung für
die gewünschte Schulart soll erhalten bleiben. Beim
Probeunterricht sollte zusätzlich zu den bisherigen Alternativen
bestanden/nicht bestanden die Möglichkeit zugelassen werden, im
Zweifelsfall Schüler auf Probe bis zum Schuljahresende in die
fünfte Jahrgangsstufe aufzunehmen.
-
Eine
vollständige oder überwiegende Freigabe des Elternwillens wird
abgelehnt. In dieser Haltung sieht sich der Philologenverband
durch den ehemaligen deutschen PISA-Leiter Prof. Dr. Baumert
bestätigt: „ Die Lehrerempfehlung (ist) sozial gerechter, als
wenn Eltern die Übergangsentscheidung allein treffen.“ Außerdem
würde dies die Rückläufer-, Nichtversetzungs- und
Abbrecherquoten an den weiterführenden Schulen in die Höhe
treiben.
-
Das
Zusammenwirken von Grundschullehrkräften und Lehrkräften der
aufnehmenden Schulen ist deutlich zu verbessern. Dies betrifft
zum einen das unbedingt wieder erforderliche persönliche
Mitwirken von Grundschullehrkräften am Probeunterricht, zum
anderen die engere Vernetzung und Möglichkeiten zum laufenden
Erfahrungs- und Informationsaustausch zwischen den Lehrkräften
der verschiedenen Schularten.
Begrenzung der
Klassengrößen wichtige Voraussetzung besserer
Studienvorbereitung
Fachlich gut
vorbereitet sieht sich die bayerische Gymnasiallehrerschaft auf
die neue gymnasiale Oberstufe. In ihr soll ab 2009 mit dem
sogenannten W-Seminar der wissenschaftspropädeutische Ansatz des
Gymnasiums noch stärker als bisher dadurch sichtbar werden, dass
hochschultypisches Arbeiten bis hin zum möglichst
selbstständigen Erarbeiten und Erforschen von Themen Einzug in
die Oberstufe finden. Allerdings steht und fällt das Konzept
mit den Rahmenbedingungen, unter denen Schüler und Lehrer
arbeiten können. Der Philologenverband fordert daher Obergrenzen
bei den Teilnehmerzahlen: Bereits zugesagt hat die
Staatsregierung, die Forderung des Verbandes nach der
Begrenzung der Seminare auf maximal 15 Schüler zu erfüllen. Nach Ansicht
der Lehrerschaft muss diesem ersten Schritt die Verpflichtung
auf maximal 20 Schüler in den Abitur- und 25 Schüler in den
anderen Fächern folgen. „Der Kampf um kleinere Klassen am
Gymnasium muss in den oberen Jahrgangsstufen ansetzen“, betonte
Schmidt im Hinblick auf die angestrebte Verbesserung des
Übergangs an die Hochschulen.
 |