„Die Ganztagsschule kann zusätzliche Chancen eröffnen. Aber sie ist kein
Allheilmittel für sämtliche schulischen und gesellschaftlichen
Probleme. Und sie ist kein Modell für alle Schüler.“ Dies ist
nach Ansicht des Vorsitzenden des Bayerischen
Philologenverbandes Max Schmidt eine Erkenntnis aus dem heute
durch das Kultus-ministerium im Landtag vorgestellten
Erfahrungsbericht ‚Achtjähriges Gymnasium in Ganztagsform’. An
diesem im Schuljahr 2002/03 gestarteten Schulversuch beteiligen
sich derzeit acht staatliche und vier private Gymnasien.
Zu den positiven Effekten zählt der Bericht zwar einen geringeren
häuslichen Lernaufwand und den engeren Kontakt der Schüler
untereinander und mit den Lehrkräften. Die in der derzeitigen
politischen Diskussion geäußerten Erwartungen an eine
Verbesserung der Notendurchschnitte oder eine deutliche Senkung
der Wiederholerquote hat sich aber nicht eingestellt, obwohl
zusätzliche Lehrerstunden und eine sozialpädagogische Betreuung
zur Verfügung gestellt und die Unterrichtstage rhythmisiert
wurden. Als Kehrseite der intensiveren Klassengemeinschaft führt
der Bericht die Zunahme von Konflikten auf – ein Aspekt, der in
der derzeitigen politischen Diskussion völlig unberücksichtigt
bleibe, so Schmidt. „Offensichtlich wird die öffentliche Debatte
um die Ganztagsschule weitgehend aus der theoretischen Sicht von
Erwachsenen geführt“, kommentierte Schmidt diese Ergebnisse.
Darauf deutet auch die Beurteilung des Schulversuches durch die
Betroffenen hin: Während 87 Prozent der Eltern angeben, sie
würden wieder die Ganztagsform wählen, sagen dies so eindeutig
nur 36 Prozent der beteiligten Schüler. Dass mangels Nachfrage
der Ganztagszug an einem Standort wieder aufgegeben wurde, ist
nach Ansicht des Philologenverbandes ein weiteres Indiz dafür,
dass die Einrichtung von Ganztagsschulen oder –zügen nur streng
nachfragebedingt und nicht als „Zwangsbeglückung“ erfolgen darf.
Als Resümee formuliert Vorsitzender Max Schmidt für seinen Verband aus
dem heute vorgelegten Bericht: “Die Ganztagsschule ist kein
Selbstläufer. Sie bedarf eines wohldurchdachten, auf die
örtlichen Bedürfnisse und Gegebenheiten abgestimmten Konzepts.
Sie stellt zusätzliche Ansprüche in schulorganisatorischer,
pädagogischer, personeller und finanzieller Hinsicht.
Tendenziell ist dieser hohe Aufwand an Grund- und Hauptschulen
in Brennpunktvierteln eher notwendig und zu rechtfertigen als an
Realschulen und Gymnasien. Gerade im Grund- und
Hauptschulbereich können gut ausgestattete Ganztagsschulen dazu
beitragen, sprachliche Defizite und soziale Benachteiligungen
abzubauen und damit die Basis für eine erfolgreiche Schul- und
Berufskarriere zu legen. Der Schulversuch zeigt aber auch, dass
für die 2004 flächendeckend eingeführte Form des achtjährigen
Gymnasiums mit einem deutlich ausgeweiteten
Nachmittagspflichtunterricht der personelle und finanzielle
Einsatz weiter erhöht werden und die Flexibilität für die
Schulleitungen bei der Ausgestaltung insbesondere der
Nachmittage weiter ausgedehnt werden müssen,“ schloss Schmidt. |